Nele Flaccus
sieht hin, wenn andere wegsehen
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NLE Textprobe
D e r   S c h ü t z e n g r a b e n
Sie vermutet hinter der Bäckerei Kette Kampin Scintology, vermerkt es mit einem Witz, einem Lächeln, aber es entspricht ihrer Wahrheit. - Ums Haus hätte sie gern einen Schützengraben, damit im Falle des Falles sie ihr Haus und sich schützen kann, & wenn sie Auto fährt, mit 30km/h auf der Schnellstraße, mag sie am Liebsten alle 20m anhalten, da die Verfolger überall sind.

Nachts sieht er sie mit einem Messer durch das Haus laufen. Sie will sich verteidigen, vor wem, das spielt keine Rolle. Die Gegner das sind die anderen & in diesem Fall er. Sie geht damit auf ihn los. Beim Frühstück klingt sein "Noch ein Toastbrot?", wie ein Attentat für sie. Beim heftigen Aufstehen, stößt sie den Stuhl um, schreit ihn an, er soll verschwinden. Ein paar dekadente Beschimpfungen ihrerseits und eine Radtour seinerseits später, ist alles vergessen. Anders - lässt es sich nicht damit leben.

Alles ist wie ein Neuanfang, jeder Tag. Er weiß nie was kommt. Weiß nicht, was sie als nächstes tut. Er springt mit ihren Launen hin und her und wähnt sich ein paar Minuten in dem Gefühl, alles sei doch nicht ganz so schlimm, wenn sie fehlerfrei ein Stück von Mozart, auf seinem verstimmten Klavier spielt.

Ein logischer Satz, aus ihrem Mund, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Woher soll sie die Ordnung nehmen? Woher das Wissen, was sie weiß? Sie ist intelligent, kreativ & kann warmherzig sein, aber die Schizophrenie hat sie im Griff.

Er hat ihr am Nachmittag einen Text vorgelesen. Will ihre Meinung hören, sucht Zugang zu ihr. Sie nickt und sagt "Ja, ich weiß! Den hast du doch bereits gestern in Schokoladenpapier eingewickelt!" Sie ist blockiert. Sie hält was sie sagt für richtig. Zusammenhänge kann sie nicht erkennen und weil alles fließend ist, ist auch alles möglich.

Die Machtlosigkeit in ihm ist so groß, das diese dann von ihm Besitz ergreift, wenn sie seine Welt verlässt. Er kann es sehen, aber er kann nichts tun. Und auch nur wirklich selten ist sie da. Dann weint sie. Aus Furcht und aus Schuld. "Verzeih mir ...", schnüft sie dann in seinen Ärmel.

Er kommt nach Hause und die Katze ist tot. Sie? Sie tanzt im Garten, ist wieder weg.

Ist unterwegs.

Nur einen Tag keine Wechsel. Er wünscht es sich so. Beständigkeit, das ersehnt er sich. Keine endlosen Wort-Wiederholungen von ihr, wenn sie ganz sicher gehen will, das nirgendwo ein Leck ist. Keine Agressionen gegen ihn, kein grobmotorisches schlagen, kein stundenlanges anschreien, keine Vorwürfe.

Wenn er diese Geschichte im Bus hören würde, würde er lachen. Es ulkig finden und speziell.

Aber weil es seine Geschichte ist, kann er weder lachen noch weinen. Er hat gelernt, dass nichts-fühlen hilft und das das freigraben des Schützengrabens den Haussegen rettet. So sehe ich ihn eines Tages mit einer Schaufel ums Haus herum gehen. Er singt leise ein Lied und findet in ihrem Wahnsinn ein paar Minuten Friedlichkeit.
 
 
 
 
E P I L O G 
 
Ich und meine Freunde , meine Freunde und ich, wir unterhalten uns über irreversible Pflaumenkernenthauptungsaktionen oder wir gehen ins Theater und essen „Brot & Tulpen“. Wir sind Akteure, nicht nur im eigenen Leben. Wir brauchen Publikum, weil es uns liebt. Der Eintritt ist frei, Studenten erhalten eine Ermäßigung und wenn wir brav sind, dürfen wir die Öffnungszeiten beeinflussen. Der Spaß und die Steine machen Überstunden, es ist noch kein Kraut gegen Reinkarnation gewachsen. Unsere Eltern haben den Koran gelesen und auch sonst Bücher, die wir dann auch gelesen haben. Sie kennen die Bildzeitung und darum lesen sie sie auch nicht. Wir haben mit 12 „Die Welle“ gelesen und später dann Hermann Hesse, wir haben uns mit der Zeit beschäftigt, wir haben Fehler gemacht und Leben gelernt, wir haben uns die Meinungen unserer Eltern angehört und eigene Meinungen entwickelt, wir sind vorangeschritten. Wir haben den Märchen und Sagen nachspioniert und erkannt. Wir haben Freuds Thesen verlacht, aber vorher selbst durchgedacht, wir sind uns einig geworden, dass Kafka genial und Dali krank ist. Wir haben Kant bis heute nicht verstanden, aber ein Fremdwörterbuch schon von klein an gegessen.

Wir haben nachgefühlt warum andere lachten und weinten, warum jemand hinfiel und aufstand. Wir sind Underwater, wir sind firm, wir sind bereit. Wir laufen auf Stelzen durch den Park oder philosophieren bei einem Milchkaffee in den Straßen Berlins über den Surrealismus. Wir wissen, wie man Hemden bügelt und wie es ist alleine zu leben. Die Mütter geben uns nicht Flügel, weil die im Wohnzimmer besser stehen. Wir haben den Rhythmus im Blut und vergessen selten unseren Text. Wir haben Eltern die mal einengend mal seltsam, mal psychotisch mal krank sind, aber sie haben uns zu Individualisten gemacht. Wir wissen was Recht und Unrecht ist und
wenn andere wegsehen sehen wir hin. Wir sind konventionalisiert und bevor wir es bemerken, sind wir wieder ganz anders. Wir lassen andere gelten und wen wir nicht gelten lassen ignorieren wir. Wir hassen keine Leute, wir lassen uns nur nichts gefallen. Wir wissen was destruktiv und was konstruktiv ist, wir wissen von Benimm Regeln und pfeifen auf das Lernen, wir sind irre & euphorisch, wir halten durch dick & dünn zusammen. Wir wa(a)gen uns viel, schlagen Wege ein die es nicht gibt & wollen immer wieder „meer sehn“. 


Wir glauben keinen Horoskopen, aber fischen doch das für uns Richtige aus ihnen heraus. Wir haben unsere Vorbilder, die die Welt ein Stück erträglicher gemacht haben & finden intime Geständnisse prickelnder als Filme die die Welt nicht braucht. Wir sind Survivaler durch & durch, wir haben das Ruder in der Hand. Wir sind unseres eigenes Glückes Schmiedes aber fürchten uns vor dem Feuer. Wir brennen auf Erfüllung und haben immer genug zu essen. Wir lieben Kreativität, in allen Ecken, mit jeder Rundung, wir malen, wir singen und umarmen im Wald einen Baum, wir wissen das wir existieren auch ohne das wir unsere Spuren im Sand sehen können. Wir sind kontrovers und alt, wir sind jung und schön und reich an Ideen. Wir lieben die Großstadt mit ihrer Weite, wir dürsten nach Veränderungen, wir entwickeln uns weiter. Wir regen uns über Intoleranz auf und chillen militant zu Pessimismus. Wir begraben Klischees und zweckentfremden die Dummheit anderer als trüben Humor. Wir
werden die sein, an die die ganz anderen nie heranreichen, denn wir stehen für uns ein. Wir haben Zukunftsängste und schmieren uns diese aufs Brot. Wir scheuen keine Anstrengungen im Jetzt zu leben und wissen dennoch nicht was wir eigentlich genau wollen. Wir machen anderen etwas vor, manchmal auch uns und trinken mit einem Handstand unseren warmen Sekt. Wir dichten die Wahrheit & stricken an unseren Flugerfahrungen. Wir haben Angst vor Aids und sind wahnsinnig nach Liebe.


Wir lesen was uns weiterbringt, wir sind ehrlich und voll Power, wir lieben das Leben, das Leben liebt uns. Wir werden uns niemals die Farbe nehmen lassen, denn „Schwarz-Weiß-Seher“ mögen wir nur in Zorro Filmen. Wir stehen für die ein, die gegen die Wand rennen und basteln uns unsere eigene Gummizelle. Wir haben die Leben unserer Freunde gesehen, wir können alles und schaffen vieles, wir sind nicht oberflächlich oder reserviert, wir sind ausgedehnt entspannt. Wir fühlen uns wie Spiderman und Aquawoman, wir finden Überraschungen und überraschen Finder, wir Suchen nach dem Sinn und wissen von dem Unsinn. Wir haben Flausen im Kopf und gehen nicht vor zwei ins Bett, unsere Großonkel sind beim Kirschen pflücken von der Leiter gefallen und wenn wir Topfhandschuhe tragen fühlen wir uns unbesiegbar. Wir tragen Supersocken und andere auf Händen. Wir wissen, dass Scheisse nicht fliegen kann und lieben die Loser. Wir lesen Gedanken und in uns ruht ein Engel. Wir weinen wenn es regnet und drehen uns lachend so lange im Kreis bis auch der letzte Grashalm wieder aufrecht steht.


Wir sind gegen Unterdrückung und Massentierhaltung, aber uns schmeckt der Leichtsinn. Wir gehen unter, weil wir das mit der Auferstehung eh nicht glauben. Wir stehen auf, weil wir gesehen werden wollen. Wir finden vieles peinlich, aber wissen wo der Lichtschalter ist. Wir canceln Treffen und verbringen Zeit in Copy Shops um andere zu kopieren. Wir sind immer wir selbst und doch wie die anderen. Wir sind auf alle Fälle cool und in einem jungen und dynamischen Team aufgewachsen. Wir machen alles klar und haben den vollen Durchblick und wenn im Ausland eine Bombe hochgeht, nimmt es uns den Mut für etwas einzustehen. Wir stellen uns mental auf eine Volkszählung ein, aber könnten uns dann doch nicht für die richtige Abendgarderobe entscheiden. Wir sind hip, wir sind recycelt und  wasserdicht.


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